Ich bin ein Naturprodukt

Gestern Nachmittag sitze ich so auf dem Sofa und bekomme Appetit auf einen 500 Gramm Joghurt der Marke „Landliebe“. Geschmacksrichtung Blutorange, für die, die es etwas genauer wissen wollen.

Ich stehe also auf, gehe in die Küche zum Kühlschrank, mache die Kühlschranktür auf, nehme den Joghurt heraus, greife in die Besteckschublade für einen Löffel und gehe zurück ins Wohnzimmer. Ich setze mich hin, schraube das Joghurtglas auf, und es gibt ein kleines Geräusch. Eigentlich sind kleine Geräusche ja was nettes, von den Geräuschen der Nachbarskinder im Stockwerk über mir mal abgesehen, aber es gibt kleine Geräusche, die sind wirklich lieblich anzuhören.

Dieses kleine Geräusch allerdings war es nicht, ganz im Gegenteil. Wie klein und leise es auch war, es wies mich in meine körperlichen Schranken, es regte meine Hirnaktivität an, und es zeigte mir eine Art von Hilflosigkeit, die ich so an mir auch noch nicht kannte.

Dieses Geräusch bestand aus zwei Komponenten: ein kleines Knirschen dicht gefolgt von der zweiten Komponente, die entsteht, wenn Luft in etwas tritt, was eigentlich Unterdruck enthält. Oder, um es jetzt mal genauer zu benennen: es löste sich der Joghurtglasboden, kreisrund, vom Rest des Behältnisses, und in dieses Vakuum ergoss sich leise seufzend Luft. Der INHALT, ja, der ergoss sich auf Hand, Bauch und Beine. Beine meint genauer Oberschenkel, meint noch genauer Schoß.

In den Schoß also. 500 Gramm. Komplett.

10 Sekunden benötigte ich in etwa, um das, was geschehen war, zu realisieren. Mindestens 5 weitere Sekunden, um das, was ich sah, akzeptieren zu können. In solchen Momenten meine ich schon mal öfters, ich könnte Missgeschicke dieser Art noch beeinflussen, zulassen und ggf. wieder rückgängig machen, wenn das Ergebnis eines solchen Unfalls mir dann doch zu heftig erscheint.

Ich sitze also da. 500 Gramm Joghurt, Geschmacksrichtung Blutorange, verteilt auf Oberschenkel, die jetzt züchtig zusammengepresst gespannt darauf warten, wie es weiter geht. Vor allen Dingen „geht“, in so etwas sind meine Beine ja Profis. Eigentlich.

Mein Blick geht abwechselnd vom Joghurtglas zum Inhalt, der sich langsam auf meinen Beinen verteilt und „liebend“ gern mit der Familie Schwerkraft Freundschaft schließen möchte. Ich schaue auf meine Hand mit dem Löffel, die erstaunlicherweise auch halb voller Joghurt ist. Ich blicke auf das T-Shirt, auf meinen Bauch – alles voller Joghurt. Der linke Ärmel der Strickjacke ist bis zur Hälfte des Unterarms voller Blutorangen-Joghurt der Marke „Landliebe“.

Liebe – was stellt man sich nicht alles darunter vor? Ein lieblicher Duft nach Orangen erfüllt mich, ich kann sogar in diesem Fall sagen, er schmiegt sich an mich.

Was tun? Ein Blick auf den Boden zum Teppich und direkt das Wissen: wenn ich aufstehe, muss mir dieses liebliche Produkt von den Beinen auf den Teppich tropfen. Dann der Blick auf das Sofa – Um Gottes Willen! Der geneigte Leser muss sich bei diesem Bild in seinem Kopf, wie ich da mit 500 Gramm duftenden Milcherzeugnis auf meinem Körper verteilt sitze, zusätzlich noch vorstellen, dass ich, ungelogen, mindestens eine Minute lang dort so verweilte, die Situation analysierte, rekonstruierte, ablehnte und zwangsakzeptieren musste. Dazu kamen Fragen. Fragen, die ich mir stellen musste, die ich aber nicht hören wollte. Vor allen Dingen: Was jetzt? Wie lösen? Und: Warum ausgerechnet ich?

Wie das riecht. Ein Geruch, der von den Lebenmittelchemikern sicherlich für andere Esssituationen gebaut worden ist. Als zufälliger Test-Proband für andere Essituationen kann ich der evtl. mitlesenden Marketinabteilung „Landliebe“ versichern: in einer solchen Umgebung haut der Slogan „Landliebe ist, wenn es Landliebe ist“ nicht mehr hin.

In Verbindung mit Haut, Bewegungsunfähigkeit und Panik davor, die eigene Wohnungseinrichtung auf dem Weg ins Bad für immer gestalterisch zu verändern, ist das eher ein Geruch, der unglaublich ironisch daher kommt: „Schau her, der Mensch hat sich in Wahrheit nicht weit von den Bäumen, dem Urwald und aus den Höhlen weiter entwickelt. Du hast ein Laptop, ein mobiles Funktelefon, ein Auto und viele andere Dinge, die man „technischen Fortschritt“ nennt, aber nichts von all dem erzeugt Emotionen, die an Stärke an Nahtoderfahrungen erinneren, wie ich das grade tue. Übrigens: Ich bin ein Naturprodukt“

Mein Kopf entschied sich schließlich für die Arbeitsanweisung „Leg das verschmierte Glas und den Löffel erstmal auf den Tisch, den kann man abwischen“. Gesagt, getan. Und dann kommt das, was ich gern als Film sehen würde: wie ich in Minischritten, die Hose halb aufgerollt und unbeschreiblich festhaltend in gebückter Haltung ins Badezimmer trippele. Ich kann das gar nicht genauer beschreiben, es hatte auf jeden Fall etwas Erniedrigendes an sich.

Im Bad dann, da ich mich unmöglich so hätte ausziehen können, ohne alles zu versauen, huschte ich sofort unter die Dusche und entkleidete mich dort vollständig und wusch die Sachen direkt unter fliessendem Wasser erst einmal aus.

Der Geruch von Blutorange in Verbindung mit Joghurt hat auf jeden Fall jetzt auf ewig passende Bilder für mich.

Ich bin selten nachtragend. Aber wenn, dann richtig. Beim Essen gehe ich dann aber doch Kompromisse ein, wenn es lecker ist.

Natürlich holte ich mir nach diesen Desaster, wie ein Rohrspatz schimpfend, einen weiteren Landliebe Joghurt aus dem Kühlschrank, dieses Mal in der Geschmacksrichtung „Vanille“. Allerdings stellte ich diesen Glasbecher in ein weiteres Gefäß, bevor ich den Deckel abmachte. Ich bin mal gespannt, wie lange ich das ab jetzt machen werde.

Sicher ist sicher.

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11 Antworten zu “Ich bin ein Naturprodukt

  1. Pingback: Notizen… No. 11 « Quadratmeter

  2. schrecklichschoenesleben

    *prust* *schneuz*

    Hihi, vielen lieben Dank für den Lacher und diese Bilder. Diese Bilder in meinem Kopf, herrlich.

  3. KREISCH !!!!

  4. :)
    Ich hätte vielleicht überlegt, das Joghurt auf die Haut zu streichen, so quasi als Land-Liebe-Maske.

  5. Den „running gag“ mit dem Joghurt in der Dusche… davon hatte ich natürlich schon gelesen. Nicht hier, nein, da drüben… bei Frau m²…

    Und nun endlich komme ich dazu, die ganze Geschichte zu lesen, und was soll ich sagen:

    *gnihihi* … das tut mir soooo leid… und dieses Bild, dieses innere, vom

    …wie ich in Minischritten, die Hose halb aufgerollt und unbeschreiblich festhaltend in gebückter Haltung ins Badezimmer trippele…

    , das werde ich jetzt so schnell nicht wieder los…

    Danke dafür… :-D

  6. Pingback: 35mm Filmpatronen-SOS !!! - The Daily Madness

  7. Also, dass ich jetzt ganz fies schadenfroh daherkichere, ist nicht meine Schuld! Herrlich detailliert ausgeführt.
    (….und…nachdem ich mich gerade gefangen habe…: Mein aufrichtiges Mitgefühl…)

  8. Naja, der Unfall ist schon ein Weilchen her und Mitgefühl wohl nicht mehr angebracht. Aber tolle Beschreibung. Hab sehr gelacht. Kompliment!!!. :D

  9. Sofern der Joghurt gänzlich in deinem Magen landen sollte, hättest Du diesem – zugegebenermaßen durchtriebenen und präzise ausgeführten – Fluchtplan keinen Erfolg gönnen und den „Ausbüchser“ aus Deinem Schoß löffeln und ihn aller Widrigkeiten zum Trotz seiner natürlichen Bestimmung zukommen lassen können. Um das zwerchfellstrapazierende Tippeln wärest Du aber wahrscheinlich dennoch nicht herumgekommen. Großartiger Schwank aus dem Leben!

  10. Man tut was man kann. Manchmal zumindest.

  11. Jetzt wird dieser uralt thread nochmal aufgewärmt. Aber der isses absolut wert. Ich kriegs ja nur über RSS mit. Schön!!!

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