Guten Morgen allerseits – und was vorher geschah

Es ist 9:00h, ich freue mich auf eine große Tasse Koffein in meinem Neutralisationscafé auf dem Weg zur Arbeit. Nach dem Betreten des Cafés rennt mich ein rotgesichtiger Anzugmensch mit einem leeren Besucherschild am Revers über den Haufen, kurz stehe ich in einer Wolke aus Streß und Plastik, ich grinse ihn kurz an, er nickt nur huldvoll.

Das Café ist nun bis auf mich und dem Mann hinter dem Tresen leer; kurz überlege ich, ein paar Fotos zu machen, das Licht ist mild und das Interieur schimmert bronzefarben. Verwerfe diesen Gedanken sofort, als mein Blick die neongrüne Budweiser-Reklame streift. Müde bin ich, sehe die Dinge mehr zwei- als dreidimensional.

Der Mann hinter dem Tresen schaut mich freundlich und homosexuell-erwartend an. Ich bestelle einen großen Milchkaffee und zünde mir die erste Zigarette des Tages an. Von soviel Leere umgeben schaue ich auf den Fernsehschirm in der Ecke rechts von mir. Pink macht eine Party und lächelt debil, und es scheint, als schaue sie in die leere Ecke im Raum links hinter mir, die mit einem Ständer voller Gratispostkarten tapeziert ist. Irgendwie sieht es wie gewollt hingeworfen, arrangiert aus. Diese unheimlich witzigen Karten. Ich überlege kurz, wie spät es wohl gerade bei den Disneys ist, da kommt auch schon mein Kaffee.

„Bitte sehr!“
„Mmh, jaokaydanke“

Nach einer ausgedehnten Zuckerorgie und bedächtigem Umrühren und Versinken, nippe ich kurz an meiner Tasse, der Kaffee schmeckt irgendwie bitter. Meine Geschmacksknospen senden diese Information über ein paar Umwege an mein noch verschlafenes Kleinhirn.

Nach dem Zähneputzen ist die erste Nahrungsaufnahme immer die Unangenehmste, funkt es zurück. Nach dem dritten Nippen leckt meine Zunge direkt über mein Hirn und im beidseitigem Einvernehmen kommt man dann doch zu dem Schluß, dass die Milch säuerlich schmeckt.kaffeeservierer

„Die Milch ist sauer, kann das sein?“ „Was? Moment!“ Der freundliche Mensch trinkt und probiert direkt aus der Milchkanne am Automaten, sein Oberkörper spiegelt sich verzerrt und verchromt im Automaten wider. „Tatsächlich“ sagt er mit verzogener Miene, irgendwie sieht das sehr lustig aus.

„Kurz vor Ihnen hat jemand aber anstandslos seinen Kaffee getrunken!“
„Liegt wohl am Wetter“ sage ich, lasse den Bezug darauf offen und stelle mir einen anstandslosen Kaffeetrinker vor.

Die Milchkanne wird ausgespült. Ob ich eine neue Tasse haben möchte, werde ich gefragt, ich denke eine Nanosekunde darüber nach, dieses Bild, wie er aus der Milchkanne probierte. „Nein, danke, ich muß los“ sage ich artig.

An den Nebentisch setzt sich in diesem Augenblick ein dicklicher Anzugmensch. ‚Schon wieder ein Anzugmensch‘, denke ich. Auf der Brusttasche seines schlecht sitzenden Sakkos prangt ein kindlich aussehendes, eingesticktes Monogramm auf schwarzem Stoff. Kurz blitzt ein Bild in meinem Kopf auf, ich mit 4 oder 5 Jahren in einem Cowboy-Kostüm. „Ich will datt Frühstück spezial, da unten“ sagt er. Hier im Rheinland legt man nicht unbedingt großen Wert auf eine klare Aussprache.

Die Bedienung quittiert es gelassen mit einem Kopfnicken, nicht so freundlich wie bei mir, fällt mir auf. Vielleicht ist das auch Einbildung. Und eigentlich ist es auch egal.

Ich nehme meine Tasche, verlasse das Café. Vor der Tür bleibe ich kurz stehen, hole tief Luft. Sie schmeckt ebenfalls säuerlich, mein Hemd klebt mir am Rücken, ich schaue auf die Uhr und bewege mich in Richtung Kreuzung. Ob sich der dicke Monogramm-Mann morgens wohl die Zähne putzt? Die Ampel wird grün, ich überquere die Straße.

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Eine Antwort zu “Guten Morgen allerseits – und was vorher geschah

  1. Beim nächsten Mal lieber Tee? ;-)

    Du solltest mehr schreiben.

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