Über beste Freunde und das Leben, die Zeit und alles dazwischen

Alt bist Du geworden, dachte ich im ersten Augenblick und hätte es beinahe auch gesagt. Verkniffen habe ich es mir,  im letzten Moment, wer weiss, was Du dann zu mir gesagt hättest.

Vielleicht hätten wir beide aber  auch nur gelacht, was wir an diesem Abend dann, Gott sei Dank, auch noch viel getan haben. Wie damals, wie früher. An den beiden folgenden Tagen, die ich bei Dir war konnten wir uns innerhalb einer Sekunde ein Wort zuwerfen und bis zu den immer einsetzenden Bauchschmerzen einfach nur lachen. Damals war es immer so.

15 Jahre sind vergangen, als wir uns das letzte Mal sahen.

Menschenskind, wie schnell die Zeit so vergehen kann. Nein, viel besser, sie tut es ja einfach, sie vergeht, die Zeit, um uns, zwischen uns, egal wo wir sind, was wir tun, was uns grade passiert und das eben nicht mal unbedingt „schnell“. Vielleicht ist das auch das Tragische an diesem Ding, das wir ‘Zeit’ nennen. Muss wohl so sein, vielleicht wäre es anders gar nicht zu ertragen.

Vier Wochen und rund tausend Kilometer Zeit hatte ich, um mich auf diesen Moment vorzubereiten. Auf Dich und diesen Moment, auf diese Situation, für die ich nirgendwo eine Gebrauchsanleitung fand, wie das sein könnte, was man da so macht, wie andere das erlebt haben. So sehe ich Dich dann da stehen, im Türrahmen. Du hast gar keine Haare mehr auf dem Kopf, nun gut, irgendwie war das damals schon absehbar, dass es soweit mal kommen würde. Dafür bin ich fast taub geworden, so trägt jeder sein Päckchen, der eine sichtbar, der andere hörbar.

Du bittest mich herein, ich stelle meine Reisetasche ab, dann stellst Du mich deiner Frau vor und verschwindest direkt wieder mit den Worten „Ich muss eben nach oben, die Lütte ins Bett bringen“.

So saß ich dann also da. Mir gegenüber Deine Frau mit Helen und Michael auf dem Sofa. Sie las den beiden eine Gute-Nacht-Geschichte vor, die wohl in dem Augenblick nicht recht mit dem fremden Mann im heimischen Wohnzimmer konkurrieren  konnte. Der war irgendwie interessanter.

Irgendwann kamst Du dann wieder hinunter und hast Dich neben mich auf das Sofa gesetzt.  Wir redeten viel, ich erzählte Dir mein Leben, praktisch vom dem Tag an, als wir uns das letzte Mal gesehen haben. Dann erzähltest Du Deins, die folgenden Stunden schrumpften zu Minuten, wir lachten viel, es hagelte auch viele ungläubige „Nein!“ durch den Raum, vermischt mit Lachen und großen, aufgerissenen Augen, sowie gelegentlichem Kopfschütteln.

Plötzlich springst Du auf und holst aus dem Nebenzimmer 2 Polaroidbilder und drückst sie mir mit den Worten „Die haben wir am letzten Tag gemacht, beim letzten Mal, als wir uns gesehen haben,erinnerst Du Dich noch?“ in die Hand.

Das war im Juni 1986, vor 22 Jahren. Nein, ich erinnere mich nicht mehr an diesen Moment und sage „Na klar, haha!“

Ich schaue auf diese Bilder und sehe mich. Sehe einen Menschen, den ich irgendwie erkennen kann. Das soll ich sein, oder besser gesagt, das war ich ja tatsächlich. Irgendwann mal. Dieser gesichtslose, dünne Mensch. Nichts Erlebtes und Gelebtes im Gesicht, keine Spuren von irgend etwas, so scheint es mir heute, wenn ich diese Bilder betrachte.

Innerhalb einer Nanosekunde knalle ich voll vor die Wand namens „Zeit“ und bin wieder in Deinem Zimmer, am nächsten Tag ist Abreise. Wehmut, Traurigkeit und Hysterie liegen irgendwo in den Zimmerecken und spielen Poker. Aufheben wollte von uns beiden keiner eins dieser Gefühle an diesen letzten Tagen, das weiss ich noch genau. Wir saßen in Deinem „Kinder“zimmer mit dem Wissen, es ist nicht die selbe Welle, die sich etwas aus unserer beider Leben nimmt und auf Nimmerwiedersehen im Ozean des Lebens verschwindet wird. Das konnten wir damals nicht wissen.

Rückblickend gesehen verhielten wir uns an diesen letzten Tagen wie alte Männer, irgendwie erfahren und ihr Schicksal hinnehmend. Schon tausendmal erlebt, keiner weiss, was wird, aber die Situation ist unter Kontrolle. Alte Männer, die gemeinsam am Meer sitzen und den Wellen zuschauen und jede Welle nimmt bei jedem Aufprall an den Strand immer ein klein wenig Sand mit zurück ins Meer. Wie die Zeit in jedem Augenblick etwas vom Leben nimmt.

„Klar bleiben wir Freunde, ich besuche Dich auch!“ „Ja klar, und ich Dich auch!“

Ich werde nie vergessen wie ich am nächsten Tag dann Rotz und Wasser geheult habe, weil ich doch irgendwie wusste, ja, ich wusste einfach: nichts bleibt, wie es ist und das Jetzt ist eben so, wie es sein muss. Da draußen lauerte das wilde und unbekannte Leben, niemand wusste, wohin die Reise geht.

Lass es mich einfach so formulieren: Ich bin froh, dass wir uns wiedergefunden haben, Martin.

Martin/Hellen/Michael, Cuxhaven Dezember 2007
Martin/Hellen/Michael, Cuxhaven Dezember 2007

Advertisements

8 Antworten zu “Über beste Freunde und das Leben, die Zeit und alles dazwischen

  1. Hallo,

    die Geschichte ist wirklich schön und traurig zugleich.
    Du schreibst sehr schön…. würd mich freuen mehr von dir zu lesen. LG Viola

  2. Ich lasse etwas Sand hier…

  3. Danke euch für eure Anmerkungen.

  4. Ja, so ist das. Danke.

  5. schrecklichschoenesleben

    Wow, toll geschrieben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s